Und es hat sich doch gelohnt

von Katrin Reinert

Es ist Anfang Juli 2008. Irgendwo mitten in den Alpen auf einem Bergsee gleitet ein Ruderachter über das Wasser. Im Wasser spiegeln sich schneebedeckte Berggipfel, die in der aufgehenden Sonne glänzen. Es ist ruhig und man hört nur das gleichmäßige Klicken und Plätschern der Ruderschläge, mit welchen die acht Frauen ihr Boot mit Synchronität und Perfektion vorwärts bringen.

Ich liebe es an der frischen Luft zu sein, die Natur zu genießen und meinen Körper ins Schwitzen zu bringen, ob beim Laufen im Wald, beim Radfahren oder eben beim Rudern auf einem Bergsee. Ich mag es, alles zu geben, an der Perfektion zu arbeiten, versuchen ihr ein Stückchen näher zu kommen, obwohl ich weiß, dass ich sie nie erreichen werde. Sport ist meine Leidenschaft.

Dann das laute Brummen eines Motorbootes. Und kurz darauf eine Männerstimme, die durch ein Megafon über den See schallt und die Stille durchbricht. Es folgen viele Anweisungen an die Frauen im Ruderachter: Noch schneller, noch besser, noch perfekter! Es ist das vierte Trainingsjahr im olympischen Zyklus, die letzte intensive Vorbereitungsphase vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking.

Und ich darf dabei sein – beim größten Sportevent der Welt! So viele Athleten trainieren darauf hin und geben viel auf, um sich diesen Traum zu erfüllen – und nur für einen Bruchteil wird dieser Traum letztendlich Realität. 2008 ist er für mich wahr geworden. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl etwas Großes erreicht zu haben, nachdem man so viel investiert hat und Studium, Freunde, Familie, Privatleben hinten anstellen musste. Nachdem man so viele Stunden auf dem Wasser und an Land an der Perfektion gefeilt hat, so viele schwierige, harte und oft auch frustrierende Trainingseinheiten absolviert hat. Ich kann sagen: es hat sich gelohnt, auch wenn ich zwischendrin ab und zu daran gezweifelt habe, ob es diesen ganzen Aufwand des Leistungssports wert ist. Olympia hat dafür entschädigt.

Vier Jahre und unzählige Trainingskilometer später: die Olympischen Spiele in London stehen vor der Tür. Es ist der Tag der Entscheidung: Wen wird der Trainer dieses Mal für seinen Achter wählen? Wer wird Deutschland bei den Olympischen Spielen vertreten dürfen? Wie meine Mannschaftskolleginnen und viele andere Leistungssportler habe auch ich die letzten vier Jahre alles gegeben. Ich habe meine Ernährung umgestellt, den Trainingsumfang noch einmal gesteigert und mein Studium so organisiert, dass ich noch mehr Zeit zum Trainieren habe. Ich war hoch motiviert. Mein ganzes Lebensumfeld war auf den Sport und die Olympischen Spiele ausgerichtet.

Doch mein Name fällt nicht. Für mich war es die größte Enttäuschung meiner Ruderkarriere. Mein großes Ziel, auf das ich die letzten vier Jahre hingearbeitet hatte, verschwand direkt vor meinen Augen. Plötzlich ist für mich ein großer Lebensinhalt zusammengebrochen. Mir war zwar immer bewusst, das Rudern nicht alles im Leben ist, aber je mehr man einsetzt, desto mehr kann man verlieren, egal ob man will oder nicht. Vier Jahre habe ich dafür investiert – alles umsonst!?

Und es hat sich doch gelohnt. So sehr die Enttäuschung auch wehgetan hat und so gern ich dabei gewesen wäre, ich habe durch das letzte Jahr wahrscheinlich mehr gelernt, als ich bei einer zweiten Olympia-Teilnahme hätte lernen können. Meine Perspektive hat sich verändert und erweitert. Plötzlich habe ich nicht mehr nur die gesehen, bei denen alles zu laufen scheint und denen der Erfolg scheinbar zufliegt. Vielmehr habe ich andere Menschen getroffen, die ähnliche oder gar viel größere Enttäuschungen als ich durchgemacht haben. Auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, ich bin dankbar für den Erfolg und die Enttäuschung, die ich durch den Sport erlebt habe. Beides prägt mich und macht mein Leben bunter – so bin ich gespannt, über welche Berge mein Weg in Zukunft führen wird und an welchen Bergseen ich vorbeikommen werde …


katrin_reinert_SWKatrin Reinert

Riemenruderin; Jugendweltmeisterin 2006 im Zweier ohne Steuermann; zweiter Platz bei der Weltmeisterschaft der Unter-23-Jährigen