Alessio Lin

Ich bin anders – gut so!

 „Du gehst schon?“

Wie sehr Johanna diese Frage am Abend eines langen Tages hasst! Johanna arbeitet als Unternehmensberaterin in einer großen Consulting-Firma. Das bedeutet, dass sie unter der Woche meist mit einigen Kollegen bei Kunden irgendwo in Deutschland unterwegs ist: Montag bis Mittwoch Köln, Donnerstag Hamburg, Freitag im Büro in München. Das bedeutet, dass neben den langen Arbeitstagen oft lange Abende mit dem Team anstehen. Was soll man abends in einer fremden Stadt anderes tun, als mit der Truppe an der Hotel-Bar den Tag ausklingen zu lassen?

Johanna merkt immer mehr, wie anstrengend diese Wochen für sie sind.

Die Arbeit macht ihr große Freude, das hohe Tempo und die enorme Intensität stören sie eigentlich nicht. Aber irgendetwas an dieser Situation kostet sie eine Menge Kraft

Ich lernte Johanna während eines abendlichen Business-Events kennen. Wir standen gemeinsam an einem Stehtisch, als wir ins Gespräch kamen. Ich erzählte ihr, dass ich als Coach und Trainerin arbeite. Diese Arbeit trage zwei Seiten in sich, eine wundervolle und eine für mich sehr herausfordernde. Die wundervolle: Ich arbeite viel mit Menschen. Die herausfordernde: Ich arbeite viel mit Menschen. Während ich erzählte, bemerkte ich, wie Johannas Gehirn in Bewegung kam.

Sie schien einer Gedankenspur zu folgen: Könnte das auch ihr Dilemma sein?

Sie erzählte mir von ihrem Alltag als ständig reisende Unternehmensberaterin mit einem Team von äußerst geselligen Kolleginnen und Kollegen. Jeden Abend hätten sie bis in die Puppen Spaß miteinander und morgens seien sie trotzdem fit und gut erholt beim Kunden. Bei ihr hingegen wuchs die Erschöpfung angesichts dieses Alltags und dieser Abende. Sie war sich sicher, dass es nicht an der Arbeitsbelastung lag. Sie schloss ihre Ausführungen mit: „Mich nervt dieses allabendliche `Wie, du gehst schon?!´ so sehr! Ich bin irgendwie so anders!“

Ich fragte Johanna, wie für sie ein richtig entspannender Abend nach einem langen Tag beim Kunden aussähe. Ihre Antwort kam prompt und sehr präzise: „Ich ziehe im Hotelzimmer meine Highheels aus und laufe barfuß über einen flauschigen Teppich. Mein feines Kostüm tausche ich gegen den Schlafanzug. Dann bestelle ich mir was Gutes zum Essen aufs Zimmer und lese oder schaue einen Film an.“

Ihre Augen glänzten!

Und sie merkte: Am „Was“ lag es nicht, eher am „Wie“ – an der Umsetzung. Denn, dass Johanna durchaus auch gesellig war, und nicht asozial, wie sie sich manchmal fühlte, war ihr klar. Aber zur Entspannung brauchte sie manchmal was anderes als ihre Kolleginnen und Kollegen.

Ich lud Johanna in einen Coaching-Prozess ein, der sie einige Wochen lang begleiten sollte. Zu Beginn stand ein einführendes face-to-face-Gespräch, in dem wir ihre Persönlichkeit analysierten. Aufgrund dessen formulierte sie, welche Rahmenbedingungen sie zur Entspannung und Erholung braucht. Anschließend verabredeten wir uns zweiwöchentlich via Skype, damit ich sie in ihrem Prozess begleiten konnte, während dem sie ihre Entdeckungen in ihren Reise-Alltag integrierte.

Im ersten Coaching-Gespräch entdeckte Johanna ihren Mut, sich so anzunehmen, wie sie ist, mit allem, was sie braucht.

Ich bin anders – gut so!

Dieser Mut stärkte sie. An manchen Abenden amüsierte sie sich gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen an der Bar. An anderen klinkte sie sich aus und folgte ihrem eigenen Entspannungsprogramm. Oder sie genoss ein Essen mit dem Team und verabschiedete sich früh am Abend. Johannas Mut entsprang einem kurzen Gespräch während eines Business-Events. Er brachte ihr ein neues Selbstbewusstsein, mehr Energie für ihren Job und viel mehr Gelassenheit an den Abenden mit ihrem Team.

Und sie entdeckte: Anders sind wir doch alle!

Das nächste Mal, als ein Kollege Johanna mit „Du gehst schon?“ ansprach, antwortete sie mit einem entspannten „Ja, dir noch einen schönen Abend und dann eine erholsame Nacht. Bis morgen!“

Was für ein Typ sind Sie?

Tanken Sie in einer geselligen großen Runde von Menschen auf? Oder brauchen Sie eher die ganz kleine Runde mit „me, myself and I“? Sprechen Sie mit anderen über Ihre Erfahrungen und Erlebnisse – und Sie werden merken: Anders sind wir alle. Und jeder von uns ist genau gut so!

Tina Tschage

Tina Tschage hat Theologie studiert und das redaktionelle Handwerkszeug erlernt. Sie lebt in München und arbeitet heute freiberuflich als Coach, Speaker und Autorin. Tina liebt es, Menschen an den Meilensteinen des Lebens einfühlsam und mit großer Klarheit zu begleiten, auf das sie glücklicher werden und die Herausforderungen des Lebens entspannter meistern.