Entscheidung_Justin Luebke

Entscheidungen treffen

Bei genauer Betrachtung und Analyse müssen wir feststellen: Wir entscheiden uns das ganze Leben lang. Vor allem auch dann, wenn wir uns vermeintlich nicht entscheiden. Wir können uns also „nicht nicht entscheiden“. Was meine ich damit?

Wir können nicht „nicht entscheiden“

Zwei Männer, beide 55 Jahre alt, werden durch die Opel-Werksschließung in Bochum vor einigen Jahren arbeitslos. Der eine entscheidet sich dafür sich als Versicherungssachverständiger für Opel-Fahrzeuge selbstständig zu machen. Doch das ist nicht einfach: dazu muss er erst investieren, Schulungen besuchen, Probegutachten erstellen, Kontakte zu Versicherungsunternehmen herstellen. Das frisst das gesamte Geld auf, das ihm der Opel-Sozialplan zugesprochen hat.

Der andere Mann sitzt zuhause und entscheidet (vermeintlich) nicht. Stattdessen klagt er die in seinen Augen geldgierigen Unternehmer sowie die gesamte Gesellschaft an. Er fordert von „der Gesellschaft“ ihm wieder Arbeit und damit Einkommen zu geben und manövriert sich in eine „Spirale nach unten“. Auch wenn der zweite Mann meint keine Entscheidung getroffen zu haben, hat er sich doch fürs „nicht konstruktiv entscheiden“ entschieden. Besonders schlimm wurde es, als die Gelder des Opel-Sozialplans ausliefen und er realisieren musste, wie wenig er an Versicherungsleistungen erhalten würde und die auch max. 18 Monate lang.

Zwei Männer mit denselben Ausgangsvoraussetzungen machen – aufgrund unterschiedlicher Entscheidungen – höchst Unterschiedliches aus ihrem Leben. Eigentlich ist es einfach Entscheidungen zu treffen: es gibt zwei oder mehrere Optionen und nur eine dieser Optionen kann es werden. Entschieden: fertig. Und dann folgt die Umsetzung. Quasi die Konsequenz der Entscheidung. Diese vor Augen lässt uns häufig zögern überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Kaum haben wir uns versehen, haben wir entschieden uns nicht zu entscheiden.

Die Entscheidung für die nicht-Entscheidung bedeutet Stillstand, ja Rückschritt

Für mich wird die Konsequenz einer Nicht-Entscheidung an einer Verkehrskreuzung am deutlichsten sichtbar. Solange ich mich nicht entscheide rechts oder links abzubiegen oder geradeaus zu fahren, entscheide ich mich stehen zu bleiben. Warum? Aus Angst vor der Konsequenz meiner Entscheidung? Oder? In der Konsequenz bedeutet die Entscheidung sich nicht zu entscheiden „Stillstand“. Mein Lebensmotto lautet: „Stillstand ist Rückschritt“. Warum?

Ist Stillstand nicht einfach Nicht-Fortschritt? Ich meine: „nein“. Denn um uns herum entwickelt sich die Gesellschaft weiter, in dem andere entscheiden. Solange ich stehen bleibe und die Konsequenz der anderen Entscheidungen quasi geschehen lasse, falle ich mehr und mehr zurück. Deshalb ist mein Lebensmotto „Stillstand ist Rückschritt“ ein leidenschaftliches Plädoyer dafür mit überlegten, letztlich aber mutigen Entscheidungen sein Leben zu gestalten.

Warum es uns so schwerer fällt Entscheidungen zu treffen?

Sicher: nicht jede Entscheidung fällt uns schwer. Den Standplatz unseres Lieblingsjoghurts, der auch noch preislich in Ordnung ist, kennen wir beim Wocheneinkauf genau. Wir laufen (ohne nachzudenken) zielgerichtet zu diesem Regal und entscheiden uns für genau diesen Joghurt. Bei Entscheidungen von großer Tragweite liegt das Ergebnis der Abwägung des Für und Wider leider nicht immer gleich auf der Hand. Hier beginnt für uns die Herausforderung.

Wir analysieren: Welche Entscheidungsmöglichkeiten gibt es überhaupt? Welche Auswirkungen hat sie? Was denken andere (vor allem uns nahestehende) Menschen darüber? Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat die Entscheidung? Nachdem die Antworten auf die Fragen häufig (weil in der Zukunft liegend) nicht eindeutig ist, zögern wir die Entscheidung lieber heraus: ein Rückschritt.

Die Leichtigkeit der Entscheidungsfreude?

Untersuchungen zeigen: Die Entscheidungen werden nicht besser, wenn man länger darüber nachdenkt. Und diejenigen, die eine falsche Entscheidung getroffen haben, sind am Ende nicht verloren. Womit hat das zu tun? Entscheidungen sind letztlich nur zu einem kleinen Teil rational geerdet. Wir kennen es als Bauchgefühl. Wir haben eine Entscheidung getroffen und danach ein gutes oder ein weniger gutes Gefühl. Was die Entscheidung letztlich richtig oder falsch macht, ist also der Antrieb, die Motivation und einen überspringenden Begeisterungsfunken (oder eben auch nicht) der daraus folgt. „Lass Dich von Deinem Bauch leiten“ war schon häufig ein guter Rat. Nicht immer und auch nicht ausschließlich. Als ein Faktor aber auf jeden Fall.

Das führt zu meiner Empfehlung „einfach mal zu entscheiden“. Mit Ratio (Verstand) und Emotion (Bauchgefühl). Ich nenne das die Leichtigkeit der Entscheidungsfreude. Sie bringt deutlich mehr positive als negative Erfahrungen mit sich. Auch dann, wenn am Ende nicht immer alles linear verlaufen ist. Das habe ich in meinem Leben häufig genug selbst erlebt, das macht es umso spannender. Insofern will ich jede einzelne meiner Entscheidungen nicht missen und wünsche allen diese „Leichtigkeit der Entscheidungsfreude“ auch zu erleben.

David Hirsch

David Hirsch arbeitet als Unternehmensberater im Bereich Interim Management, Strategie- und Organisationsentwicklung sowie Personalberatung für vor allem sozialwirtschaftlich tätige Unternehmen. Im Rahmen dieser Prozesse coacht er vor allem Führungskräfte in beruflichen Orientierungsprozessen. Er ist verheiratet, hat drei Töchter und lebt mit seiner Familie in Jena.