Hape Kerkeling hinter der Bühne

Damit hat Hape Kerkeling nicht gerechnet!

Sie sitzt in seinem Publikum. Und Hape Kerkeling weiß nichts davon. Er bereitet sich hinter der Bühne vor. Dann geht’s raus. Spot an. Genau in dem Moment erblickt er sie: seine alte Grundschullehrerin. Sie hat immer an ihn geglaubt, trotz seiner Vergangenheit. Was für ein Moment für beide!

Beeindruckend

Ich gebe zu, mich hat das beeindruckt. Für mich war genau dieser Augenblick zwischen Kerkeling und seiner alten Lehrerin die dichteste Stelle in seinem Buch. Ein Moment der besonderen Art. Was für ein Gefühl muss das für die alte Dame gewesen sein, als sie ihn so erlebte? Ganz in seinem Element, erfolgreich, glücklich, dankbar, engagiert und begeistert. Einer, der es geschafft hat. Seine Lehrerin hat damals vor Jahrzehnten das wenige für ihn getan, was sie tun konnte. Sie hat ihn ermutigt, an ihn geglaubt und ihn so gut es ging unterstützt. Und er hat vielleicht besonders aus der Begegnung mit ihr heraus die erste Kraft geschöpft, um nicht aufzugeben. Damals. Als alles hart war.

Die Altlasten des Hape Kerkeling

Hape Kerkeling, der Autor, Komiker, Schauspieler und Moderator, gehört nicht zu denen, die mit leichten Füßen in einen erfolgreichen Beruf hineingewachsen sind. Vibrierend vor Elan? Voller Selbstvertrauen? Fehlanzeige. Woran das lag? An den familiären Altlasten im Gepäck. Nicht selbstverschuldet, wohlgemerkt, dennoch belastend. Darüber schreibt er rührend und bewegend in einem seiner Bücher: „Der Junge muss an die frische Luft.“

Gebe ich auf…?

Kerkeling ist einer, der genau diese harte, kräftezehrende Frage kennt: Gebe ich nicht besser einfach auf? Er ist damit einer von uns. Von denen, die ihre Kämpfe rund um Fragen der Berufung kennen. Was kann ich? Was soll ich? Lohnt es sich wirklich dem Herzen nachzugehen? Der Vision, die sich vielleicht ganz zart im Inneren gebildet hat. Der eine von uns hat wie Kerkeling Altlasten aus der Vergangenheit, der nächste eine Krankheit und noch einer von uns eine Kündigung oder den Karriereknick hinter sich. Alles Situationen, die sich zur Lebenskrise ausweiten können. Lang, länger oder sogar lebenslang. Belastend. Kräftezehrend.

… oder entwickle ich mich?

Zurück zu Kerkeling und seiner Grundschullehrerin: Als sich beide dort in die Augen blicken (und natürlich in den Armen liegen), ist das alles gelaufen: Die Lebenslast. Die Krise. Die Weiterentwicklung. Da ist Kerkeling bereits erfolgreich, anerkannt und beliebt. Er lebt bereits seine Träume und hat was aus sich gemacht. Zwischen dem Heute und seiner Zeit als Grundschulkind liegen Jahre. Entwicklungsjahre. Kerkeling hat sie dazu genutzt, seine Altlasten abzuschütteln, indem er sich ihnen gestellt hat. Und anschließend hat er den Blick nach vorne gerichtet: Entschlossen, auch ein wenig zaghaft, dennoch bereit. Er hat seine Gaben entdeckt, Dinge gewagt und immer mehr an seine Zukunft geglaubt.

Krisenfest werden

Nein, Lebenskrisen sind kein Zuckerschlecken. Egal, wann sie auf uns zukommen. Der eine ist schon von Kinderschuhen an belastet. Den anderen trifft es erst später. Zurechtkommen müssen viele von uns damit. Meine Meinung ist: Die Chancen sind heute sehr groß, dass das gelingt.

  • Ein guter Berater an der Seite, der zunächst mitträgt und dann die Schritte nach vorn anstößt – Unersetzlich!
  • Freunde im Leben, die treu und motivierend sind – eine wirkliche Stütze!
  • Zeit, die Raum lässt, sich der eigenen Kompetenzen bewusst zu werden – eine Kraftquelle!
  • Und nicht zu vergessen Gott als der „Begaber“ unseres Lebens! Aus dem Zwiegespräch mit ihm kann enorm viel Mut entstehen.

Alles hilfreiche Stützen, damit wir herauswachsen aus der Krise. Krisenfest werden. Und kraftvoll nach vorn gehen. Unser Leben leben. Unser Ding machen. Wunderbar!

Was ich von Hape Kerkeling gelernt habe

Man muss kein Hape Kerkeling Fan sein. Das habe ich von ihm mitgenommen: Aufgeben ist keine Option. Egal was hinter einem liegt – das eigene Leben ist zu schön, zu wertvoll zu einmalig – um es nicht mit ganzer Kraft zu leben. Mit der Kraft, die geblieben ist. Mit den Gaben, die man bekommen hat.

Wer an dieser Stelle unzufrieden mit sich ist, der darf sich Unterstützung suchen, um in seine Berufung zu kommen. Das gilt für gesunde und für eingeschränkte Menschen. Ich verstehe mich als Ermutigerin für die Eingeschränkten, weil ich eine von ihnen bin.

Kerstin Wendel ist Autorin, Pädagogin und Referentin in Wetter/Ruhr. In ihren Büchern, Referaten und Lesungen will sie Menschen ermutigen und herausfordern den nächsten Schritt zu wagen. Da sie selbst chronisch krank ist, schlägt ihr Herz besonders für diejenigen, die mit Einschränkungen leben müssen.

 

Buchhinweise:

Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft, Piper Verlag 2014

Kerstin Wendel: Chronisch hoffnungsvoll! Stärke finden in einem Leben mit Krankheit. SCM Hänssler Verlag 2017